Im Pakt mit dem Teufel geschmiedet

die Gablerorgel zu Weingarten in der Basilika

 

Nächstes Jahr (2010)  jährt sich die Fertigstellung der Gablerorgel in der Weingartener Basilika zum 260. Mal. Grund genug, ein Blick auf die ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der größten Barockorgel der Welt zu blicken.

 

(Weingarten/sz) Von 1737 bis 1750 wurde sie gebaut. Wer sie vom Kirchenraum aus betrachten will, muss den Kopf heben. Dann blickt er zu einem Meer aus metallenen Pfeifen jeder Größe. Die Pfeifen sind eingebettet in kunstvoll arrangierte Säulen aus Holz, deren Farbe und Muster vorgeben, echter Marmor zu sein. Goldene Schnörkel verstärken den barocken italienischen Stil. "Diese Orgel ist die größte Barockorgel der Welt", erzählt der derzeitige Organist Stephan Debeur nicht ohne Stolz. Und wer das imposante Instrument in der Basilika in Weingarten sieht, glaubt das sofort. Dreizehn Jahre lang hat ihr Bauherr Joseph Gabler an ihr gearbeitet.

Die Orgel sei "bis ins Detail mit Liebe gemacht", sagt Debeur. Angefangen von der komplexen, zum Großteil versteckten Mechanik über die zahlreichen formvollendeten Einzelbauteile bis zu der Besonderheit, dass das Rieseninstrument um sechs Fenster herum gebaut wurde. Fast zehn Meter hoch ist die größte sichtbare Pfeife. 6666 Pfeifen hat die Gablerorgel insgesamt. Eine Zahl, die von Bedeutung ist. Zum einen soll Jesus auf seinem Kreuzweg exakt so viele Peitschenhiebe bekommen haben und zum anderen soll die Zahl auf Gablers Pakt mit dem Teufel hinweisen. Der Sage nach soll er diesen geschlossen haben, weil er beim Versuch, eine Pfeife mit menschlichem Klang zu schaffen, nicht weiter kam. Er verkaufte dem Versucher seine Seele. Es entstand die "vox humana".

Die Geistlichen kamen Gablers Pakt aber auf die Spur: Die "vox humana" spielte nämlich nur weltliche Musik und verführte damit die Weingartener Mönche zu einem Leben mit irdischen Genüssen. Daraufhin wollten die Äbte Gabler selbst und sein Teufelswerk verbrennen. Bevor das geschehen sollte, bekam der Orgelbauer aber noch den Auftrag, ein Imitat der besonderen Pfeife nachzubauen - ohne die Hilfe des Teufels. Das gelang ihm so gut, dass er vom Tod letztendlich doch verschont blieb. Noch heute lässt der menschliche Klang der einmaligen Pfeife ihre Zuhörer erschaudern, hat er doch tatsächlich große Ähnlichkeit mit einer krächzenden Männerstimme.

 

Außer der 6666 werden aber noch mehr Zahlen in der Kirche eine Rolle zugesprochen. So hat eine zweite Orgel in dem Gotteshaus genau 2222 Pfeifen. Zwei, eine Ziffer, die für Dualismus steht: Gott und Mensch, Himmel und Erde oder auch Himmel und Hölle. Addiert man die Pfeifen mit denen der Gablerorgel, dann ergeben sie eine Summe von 8888. Die Acht steht wiederum für die Unendlichkeit, die Göttlichkeit.

Es sind aber nicht nur die Zahlen, die die barocke Orgel in der Basilika bekannt gemacht haben. "Es sind ihre Klangfarbe und die vielen Einzelstimmen", sagt Debeur und bringt die Pfeifen zum Klingen. Die Kirche füllt sich mit vollen und majestätischen Klängen, die Töne klingen schwer. Debeur entlockt dem Instrument aber auch leise und sanfte Laute. Zu laut ist die große Orgel dagegen nie. "Ihre Stärke ist gleichzeitig auch ihre Schwäche", erläutert Debeur. Die Gablerorgel sei zwar riesig, aber trotzdem eine der leisesten Orgeln in Baden-Württemberg.

Organisten genießen hier ein Privileg. Sie blicken beim Spielen zur Gemeinde und wenden ihr nicht wie sonst so oft den Rücken zu. Wer hier auf die Tasten hauen darf - und das muss man sogar, weil die Orgel sonst noch leiser spielt - hat nicht den schlechtesten Platz in der Kirche. Er sieht genau auf den Altar und auch auf die Köpfe derer, die auf den Bänken im Kirchenschiff sitzen. Er selbst hat viel Platz und ist umringt von der einmaligen Kunst. Stephan Debeur ist erst der achte Organist, der seit dem Orgelbau hier in Weingarten spielt. "Wer diesen Platz einmal einnehmen darf, bleibt in der Regel auch 30 bis 40 Jahre hier", sagt er und lacht.

 

So schön die Orgel auch dasteht, so toll sie auch klingt und so bekannt sie auch ist: Sie muss trotzdem gepflegt werden. Eine gründliche Reinigung wäre schon lange mal wieder nötig. Aber die ist teuer und aufwendig. Debeur rechnet mit einem Kostenaufwand von 50 000 bis 80 000 Euro. Denn jede Pfeife muss einzeln gereinigt werden und darf nur mit Handschuhen angefasst werden. Sonst oxidiert das Metall. Das hätte fatale Folgen. Für das Aussehen und den Klang. Und das will niemand. Schließlich soll das Instrument noch lange erhalten bleiben.

dieser Artikel stammt aus der schwäbischen Zeitung

erschienen am Freitag den 14.August 2009

Von unserer Mitarbeiterin

Dorothea T. Pilawa


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