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© Kurt Bouda bei pixelio.de

Brennnessel Mythos und Legende

Die Pflanze hat eine lange Geschichte: Das erste dichterische Loblied wird der Brennnessel durch den römischen Dichter Catull (57 nach Christi) zuteil, der diese Pflanze lobpreiste, nachdem sie seinen Schnupfen und Husten heilte. Und Dioskurides, ein griechischer Arzt des 1. Jahrhunderts nach Christi behandelte mit der Brennnessel bereits die gleichen Krankheiten, bei denen sie noch heute Anwendung findet.

Im Mittelalter diente die Nessel in Krankheitsfällen zur Probe, wie es um den Kranken bestellt war. Man legte die Pflanze in den Harn. Blieb sie Tag und Nacht grün, war dies ein Zeichen baldiger Genesung, schrumpfte sie aber, war alle Hoffnung verloren.

Paracelsus erprobte die Wirkung der Nessel bei Gelbsucht und empfahl einen Trank aus Brennnesselsaft und Ziegenmolke zur Heilung.

Der große Gelehrte Fuchs empfahl: "Die Nessel in die Laug gelegt, vertreibt das harausfallen" und verabreichte eine Salbe aus Bärenschmalz und zerstoßenen Blättern der Nessel gegen Podagra und Gliederschmerz.

Selbst die Heilige Hildegard von Bingen rühmte die Pflanze u.a. mit folgenden Worten: "Die Brennnessel ist in ihrer Art sehr warm. In keiner Weise nützt es, dass sie roh gegessen wird, wegen ihrer Rauheit. Aber wenn sie frisch aus der Erde sprießt, ist sie gekocht nützlich für die Speisen der Menschen, weil sie den Magen reinigt und den Schleim aus ihm wegnimmt.”

 

Dr. Heinrich Hoffmann, bekannt als Verfasser des "Struwelpeter" verfasste der Brennnessel zu Ehren folgenden Vers:

 

Brennessel, verkanntes Kräutlein, dich muß ich preisen.

Dein  herrlich Grün in bester Form baut Eisen,

Kalk, Kali, Phosphor, alle hohen Werte,

entsprießend aus dem Schoß der guten Mutter Erde.

Nach ihnen nur brauchst Du Dich hin zu bücken ,

die Sprossen für des Leibes Wohl zu pflücken,

als Saft, Gemüse oder Tee sie zu genießen,

das, was umsonst gedeiht in Wald, auf Pfad und Wiesen,

selbst in noch dürft`ger Großstadt nahe Dir am Wegesrande,

nimm's hin, was rein und unverfälscht die gütige Natur

dir heilsam liebend schenkt auf ihrer Segensspur!

Bauernphilosoph Arthur Hermes, der noch ganz aus der Weisheit unserer Ahnen schöpfte, sah sie gar als Beschützer des Gehöfts: Wie das Kettenhemd, das einst der gewappnete Ritter trug, fange sie die Pfeile der schlechten Gedanken, des Neids und der Missgunst ab und beschütze die Bewohner des Hauses vor ihnen. Auch negative Strahlungen aller Art soll die Kriegerin unter den Pflanzen abfangen und umzuwandeln wissen. Der Wiedehopf, dem mittelalterlichen Aberglauben nach ein Vogel der Hexen und Dämonen, soll aus diesem Grunde sein Nest mit Brennesseln ausstopfen.

Rutengänger haben oftmals bestätigt, dass Brennnesseln gern an Strahlungsorten wachsen, etwa dort, wo Wasseradern sich kreuzen. Für solche Orte waren unsere Vorfahren sehr empfänglich, den sie galten als Treffpunkt von Verstorbenen und unsichtbaren Wesen, die sich nur hier offenbarten.

 

Doch nicht allein die Empfänglichkeit der Brennnessel für Strahlen war bereits in unserer Vergangenheit bekannt: Ihre Samen wurden in den „Frauendreissigern“ gesammelt und bei Bedarf als Kräftigungsmittel gegessen. Sie haben eine dermaßen vitalisierend Wirkung, dass es im Mittelalter den Mönchen und Nonnen verboten war, Brennesselsamen einzunehmen.

 

Tatsächlich enthalten sie hormonähnliche Substanzen: Sitosterin und Vitamin E - Fruchtbarkeitsvitamine, die zur Anregung der Körperfunktion, bei chronischer Müdigkeit, Leistungsschwäche hilfreich sind. Bei stillenden Müttern regen sie die Milchbildung, bei Männern die Samenproduktion an

und bei Prostataleiden soll eine Tinktur der gelben Wurzel neben Kürbiskernen eines der besten Phytotherapeutika sein.

 

Die Germanen und vermutlich auch die Kelten weihten die Pflanze ihrem Donnergott Donar, der für Fruchtbarkeit und männliche Potenz ebenso wie für das Bierbrauen zuständig war. Uralt ist der Brauch, bei drohendem Gewitter Brennesselruten auf den Bierbottich zu legen, damit das Gebräu nicht umschlägt und sauer wird. In England ist noch heutzutage das aus Nessel gebraute "nettle beer" zum Ausspülen von Schlacken aus dem Blut beliebt.

 

Wie genau die Kelten und Germanen das Kraut einsetzten, wissen wir heute nicht mehr. Vermutlich aber nicht viel anders, als es die Volksmedizin noch immer tut.

Marcellus Empirucus schreibt, dass zu seiner Zeit die Samen als Magenmittel und die Wurzeln gegen Nasenbluten verwendet worden sind. Im Frühjahr wurden Nesselwecken gegessen - eine Kultspeise. Auch wir kennen noch die Nesselküchle und Nesselkrapfen, die je nach Region nach dem langen Winter einen Vitaminstoß geben und die Frühjahrsmüdigkeit vertreiben. Genauso bekannt ist der köstliche Brennesselspinat.

Mittels dieser Speisen verbanden sich die Kelten mit dem aufstrebenden Geist der Vegetation, wussten die Natur zu verstehen. Und zwar in Umgang und auch Gebrauch, wie man bereits an der Bezeichnung erkennen kann: Das gallische Wort für Nessel war ne-nadi. Es bezieht sich auf die Nessel als Faserpflanze. Außer Hanf und Leinen diente auch die Brennessel damals zum Weben und Spinnen. Die Kelten stellen aus Nesselfasern Stricke, Säcke und Hemdenstoffe her. Schon in der Altsteinzeit wurden aus der Pflanze Netze, Reusen, Tragtaschen und Fallstricke produziert.

Kräuterpfarrer Johann Künzle vergleicht die Brennnessel mit einem "ruchen Cholderi" - einem Mann mit grimmigem Gebaren, aber mit einem hilfreichen Herzen.

Außerdem war er davon überzeugt, dass der liebe Gott der Brennnessel das Feuer gegeben hat, um sie vor ihrer Ausrottung zu schützen, denn die Geschmacks- und Nährstoffe dieser Pflanzen seien bei den Tieren - von der Schmetterlingslarve bis zur Kuh - geschätzt wie bei den Menschen die süße Nidel und sie wäre sicher schon lange mit Wurzel und Stiel ausgerottet, wenn nicht ihre Brennhaare sie vor der unvernünftigen Naschhaftigkeit schützen würden.