Brot und Salz

Mein liebes Hochzeitspaar!

Nicht mit Geschenken von Glanz und hohem Geldeswert

komm ich Euch heute zu Bedenken,

das haben andre schon beschert.

Was ich Euch darzubringen habe,

gering im Preis, doch ein Symbol,

ist unsre alte Väter Gabe

ist Brot und Salz

das Glück ist's wohl

denn Brot und Salz muss sein im Leben

wo Brot und Salz stets ist im Haus

da kann es keine Nöte geben,

da geht die Freude ein und aus.

Das Brot ist aller Kräfte Samen,

es ist der Erde höchstes Gut

nehmt hier mit dieses Sinnbilds Namen

das Leben selbst in Eure Hut.

Das Salz hingegen soll Euch zeigen,

dass Freude erst dann wirksam ist,

wenn man im bunten Lebensreigen

die richt'ge Würze nicht vergisst.

So liegt in diesen zwei Symbolen,

im Brot und Salz das Lebensbild

aus dem wir unsre Kräfte holen,

aus dem die Harmonie stets quillt.

So nehmt denn Brot und Salz entgegen

und haltet heilig dieses Pfand,

dann blüht auf allen Euren Wegen

ein sorgenloser Ehestand.

 

 

Brot und Salz sind seit alters her bei allen Völkern, besonders bei den Germanen und Russen, als konservierende und Kraft spendende Stoffe verehrt worden und dienten als sicherstes Abwehrmittel gegen alles Böse. Sobald der Mensch feststellte, dass diese Nahrungsmittel die Gesundheit erhalten und fördern, hat er ihnen apotropäische (griech. "abwehrend") Kräfte zugeschrieben und eine Vielzahl von Bräuchen entwickelt. Die germanischen Volksstämme sahen in Brot und Salz kostbare Geschenke der Natur und maßen ihnen in ihrem Kultleben einen großen Raum zu. Die Kraft spendende Wirkung und Abwehr des Bösen sind dabei nicht voneinander zu trennen.

 

Es gab Zeiten, in denen das Fluchen in Gegenwart von Brot streng verpönt war: Fiel es aus Versehen zu Boden, küsste man es und bat in Gedanken für diese Entweihung um Verzeihung. An Stelle des Brotes tritt bei den Reis pflanzenden und verzehrenden Völkern der Reis. Brot und Salz schützen vor Drachen und Hexen. Die Hexe ist somit Feindin des Brotes und hat keine Macht darüber, besonders wenn es mit dem Kreuz gezeichnet ist. Nach einer Barnimer Sage bannt Salz die Hexen ebenso sicher wie Brot und nach einem Grimmschen Märchen hat auch der Teufel über das Brot keine Macht. Im Volksglauben hat die größte Kraft das Böse zu bannen das sogenannte Hausbrot (Grau-Schwarzbrot) und davon schreibt man wiederum der Rinde die größte Wirkung zu. Noch heute gilt das Brot im Bauernhof als das Sinnbild der Familie und Ehe und als die "Seele des Hauses".

 

Dass Brot und Salz Kraft spenden und das Böse bannen sollen, ist durch viele Bräuche belegt. So streut oder legt man es überall dorthin, wo der Teufel oder seine Bundesgenossen Einfluss nehmen könnten. Im Stall hängt man Brot und Salz gegen Hexen auf. Man bietet es dem Gast an, bringt es selbst zum Besuch mit oder steckt es der Braut in die Schuhe. Salz und Brot im neu gebauten Haus oder beim Einzug in eine neue Wohnung sollen die künftigen Bewohner vor Mangel an Lebensmitteln bewahren.

 

Brot, welches zu bestimmten Festtagen in Gestalt von Tieren gebacken wird, erinnert an die Tradition der Opfergabe von Brot - als Ersatz für ein Tieropfer. Dass der christliche Glaube und Aberglaube zum Teil uraltes Gut überlagert haben, zeigt sich in der Tradition, dem Täufling Brot und Salz vor der Taufe und auch sonst in die Windel zu geben, um es vor Dämonen zu schützen. Aber nicht nur zu Beginn des Lebens, sondern auch über den Tod hinaus wird Brot und Salz Wunderkraft zugesprochen. So legt man mancherorts auch heute noch den Toten Salz bei der Beerdigung bei.