Lob des Winters

 

Wem behagt Aprillenwetter?

Wem des Hundsgestirnes Hitz'?

Wem des Herbstes falbe Blätter?

Niemand, der nicht sparet Witz.

Ich will nun kaltsinnig loben

Die begrau'te Winterszeit,

Die uns unsre Augen weid't,

Und auch billig wird erhoben.

 

Wie ein fast bejahrter Alter

Nach der schnellen Monden Flucht,

Sitzend bei dem Weinbehälter,

Kostet seiner Arbeit Frucht,

Hält die Ruhtag' für sein Leben

Bis zum vorgesteckten Ziel,

Da der grauen Haar' so viel

Strahlen großer Klugheit geben:

 

Also pfleget auch zu rasten

Aller Jahrszeit Flucht und Eil,

Und beginnet recht zu masten

An des weißen Winters Seil.

Ceres wohnet in den Scheuern,

Bacchus bringt den süßen Most,

Und Pomona ihre Kost,

Sylvan kann beim Feuer feiern.

 

Schauet drauß die weißen Flocken,

Wie sie streichen hin und her,

Wie sie sich zusammen stocken,

Wie sie stürmen überquer!

Das ist ein gesundes Wetter,

Und man heizt auch tapfer ein,

Horchend bei dem firnen Wein

Der Musik von einem Bräter.

 

Mich bedünket, dass die Sterne

Strahlen baß, wann's Winter ist;

Wann das Wasser hartet gerne

Wie Kristallstein durch Gefrüst,

So muss man das Eis belaufen

Mit der Schlittschuh' schnellem Holz;

Wie ein Vogel oder Bolz,

Rauscht man vorwärts ohn' Verschnaufen.

 

Masken, Fastnacht, Schlittenfahren,

Reiten, Tanzen, Fechten üben,

Lass' ich unbemeldet fahren,

Wie auch auf der Tafel schieben,

Und erhebe das Studieren,

So uns manche lange Nacht

Auch wohl in das Bett gebracht,

Dass wir Winterslust recht spüren.

 

(Georg Philipp Harsdörffer, 1607-1658)

 

 

Winter

 

Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,

So fällt das Weiß herunter auf die Tale,

Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,

Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren.

 

Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen

Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen

Die Unterschiede sich, dass sich zu hohem Bilde

Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde.

 

(Friedrich Hölderlin, 1770-1843)

 

Dezemberlied

 

Harter Winter, streng und rauch,

Winter, sei willkommen!

Nimmst du viel, so gibst du auch,

Das heißt nichts genommen!

 

Zwar am Äußern übst du Raub,

Zier scheint dir geringe,

Eis dein Schmuck, und fallend Laub

Deine Schmetterlinge,

 

Rabe deine Nachtigall,

Schnee dein Blütenstäuben,

Deine Blumen, traurig all

Auf gefrornen Scheiben.

 

Doch der Raub der Formenwelt

Kleidet das Gemüte,

Wenn die äußere zerfällt,

Treibt das Innere Blüte.

 

Die Gedanken, die der Mai

Locket in die Weite,

Flattern heimwärts kältescheu

Zu der Feuerseite.

 

Sammlung, jene Götterbraut,

Mutter alles Großen,

Steigt herab auf deinen Laut,

Segenübergossen.

 

Und der Busen fühlt ihr Wehn,

Hebt sich ihr entgegen,

Lässt in Keim und Knospen sehn,

Was sonst wüst gelegen.

 

Wer denn heißt dich Würger nur?

Du flichst Lebenskränze,

Und die Winter der Natur

Sind der Geister Lenze!

 

(Franz Grillparzer, 1791-1872)

 

 

 

Am Kamin

Stürme, Dezember, vor meinem Gemach,

Hänge Zapfen von Eis an das Dach;

Nichts doch weiß ich vom Froste;

Hier am wärmenden, trauten Kamin

Ist mir, als ob des Frühlings Grün

Rings um mich rankte und sprosste.

 

All das Gezweig, wie es flackert und flammt,

Plaudert vom Walde, dem es entstammt,

Redet von seligen Tagen,

Als es, durchfächelt von Sommerluft,

Knospen und Blüten voll Glanz und Duft,

Grünende Blätter getragen.

 

Fernher hallenden Waldhornklang

Glaub' ich zu hören, Drosselgesang,

Sprudelnder Quellen Schäumen,

Tropfenden Regen durchs Laubgeäst,

Der die brütenden Vögel im Nest

Weckt aus den Mittagsträumen.

 

Stürme denn, Winter, eisig und kalt!

An den Kamin herzaubert den Wald

Mir der Flammen Geknister,

Bis ich bei Frühlingssonnenschein

Wieder im goldgrün schimmernden Hain

Lausche dem Elfengeflüster.

 

(Adolf Friedrich von Schack, 1815-1894)

 

 

An den Winter

 

Willkommen, lieber Winter,

Willkommen hier zu Land!

Wie reich du bist, mit Perlen

Spielst du, als wär' es Sand!

 

Den Hof, des Gartens Wege

Hast du damit bestreut;

Sie an der Bäume Zweige

Zu Tausenden gereiht.

 

Dein Odem, lieber Winter,

Ist kälter, doch gesund;

Den Sturm nur halt' im Zaume,

Sonst macht er es zu bunt!

Elisabeth  Kulmann   1808-1825

Weihnacht

Die Welt wird kalt, die Welt wird stumm,
der Winter-Tod zieht schweigend um;
er zieht das Leilach weiß und dicht
der Erde übers Angesicht -
          Schlafe - schlafe

Du breit gewölbte Erdenbrust,
du Stätte aller Lebenslust,
hast Duft genug im Lenz gesprüht,
im Sommer heiß genug geglüht,
nun komme ich, nun bist du mein,
gefesselt nun im engen Schrein -
Schlafe - schlafe

Die Winternacht hängt schwarz und schwer,
ihr Mantel fegt die Erde leer,
die Erde wird ein schweigend Grab,
ein Ton geht zitternd auf und ab:
          Sterben - sterben.

Da horch - im totenstillen Wald
was für ein süßer Ton erschallt?
Da sieh - in tiefer dunkler Nacht
was für ein süßes Licht erwacht?
Als wie von Kinderlippen klingt's,
von Ast zu Ast wie Flammen springt's,
vom Himmel kommt's wie Engelsang,
ein Flöten- und Schalmeienklang:
          Weihnacht! Weihnacht!

Und siehe - welch ein Wundertraum:
Es wird lebendig Baum an Baum,
der Wald steht auf, der ganze Hain
zieht wandelnd in die Stadt hinein.
Mit grünen Zweigen pocht es an:
»Tut auf, die sel'ge Zeit begann,
          Weihnacht! Weihnacht!«

Da gehen Tür und Tore auf,
da kommt der Kinder Jubelhauf,
aus Türen und aus Fenstern bricht
der Kerzen warmes Lebenslicht.
Bezwungen ist die tote Nacht,
zum Leben ist die Lieb' erwacht,
der alte Gott blickt lächelnd drein,
des lasst uns froh und fröhlich sein!
Weihnacht! Weihnacht!

Ernst von Wildenbruch (1845-1909)