Maikäfer


Jeder weiß, was so ein Maikäfer
für ein Vogel sei.
In den Bäumen hin und her
Fliegt und kriecht und krabbelt er.

Max und Moritz, immer munter,
Schütteln sie vom Baum herunter.
In die Tüte von Papiere
Sperren sie die Krabbeltiere.

Fort damit und in die Ecke
Unter Onkel Fritzens Decke!
Bald zu Bett geht Onkel Fritze
In der spitzen Zippelmütze;

Seine Augen macht er zu,
Hüllt sich ein und schläft in Ruh.
Doch die Käfer, kritze, kratze!
Kommen schnell aus der Matratze.

Schon faßt einer, der voran,
Onkel Fritzens Nase an.
"Bau!" schreit er. "Was ist das hier?"
Und erfaßt das Ungetier.

Und den Onkel, voller Grausen,
Sieht man aus dem Bette sausen.
"Autsch!" - Schon wieder hat er einen
Im Genicke, an den Beinen;

Hin und her und rundherum
Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.
Onkel Fritz, in dieser Not,
Haut und trampelt alles tot

Guckste wohl, jetzt ist's vorbei
Mit der Käferkrabbelei!
Onkel Fritz hat wieder Ruh
Und macht seine Augen zu.

Autor: Busch, Wilhelm (1832-1908)

 

Ganz langsam schiebt sich der Maikäfer aus dem warmen Sandboden. Benommen und geblendet von der Sonne kriecht er tapsig ans Licht. Minuten dauert es, bis er seine Flügel ausbreitet und zu seinem ersten Flug startet. Schnurstracks steuert der braune Brummer die nächste Eiche an, die gerade ihre frisch-grünen Blätter entfaltet hat, und beginnt zu fressen. In Südhessen sind Maikäfer zur Plage geworden, auch im Kaiserstuhl tauchen sie massenweise auf. In vielen anderen Regionen Deutschlands sind sie dagegen eher selten. In manchen Jahren sehe ich sie überhaupt nicht und dann wieder sehe ich im Garten sogar die Engerlinge im Boden beim umgraben.

 

Der Maikäfer(Melontha) ist eine Käfergattung aus der Familie der Blatthornkäfer. Die ausgewachsenen Käfer treten ab Ende April auf. Die bekannteste und größte einheimische Sorte ist der Feldmaikäfer ( Melontha ). Er wird bis zu 2,5cm groß und ernährt sich hauptsächlich von Eichenlaub.

Wenige Wochen nach dem Schlüpfen paaren sich die Maikäfer. Die Männchen sterben bald darauf. Die Weibchen graben sich nach der Paarung etwa 20cm tief in den Boden ein und legen dann an verschiedenen Stellen ihre Eier ab.

Nach vier bis sechs Wochen schlüpfen aus den Eiern die Larven des Maikäfers. Man nennt sie Engerlinge.     

Sie haben mit ihrem wurmförmigen Körper kaum Ähnlichkeit mit dem Käfer. Die Engerlinge leben im Boden. Zunächst ernähren sie sich von Humus. Später beißen sie mit ihrem starken Kiefer Wurzelstücke ab. Dabei bevorzugen sie die Wurzeln des Löwenzahns. Ältere Engerlinge zerbeißen Wurzeln von der Dicke eines Strohhalmes. Langsam wachsen die Engerlinge heran. Ähnlich wie die Mehlwürmer müssen auch sie sich von Zeit zu Zeit häuten. Nach drei bis vier Jahren graben sich die Engerlinge in 70-90cm Tiefe eine Höhle, die man auch Puppenwiege nennt. Hier werden sie zu unbeweglichen Puppen. In der Puppenhülle erfolgt die Verwandlung zum Maikäfer. Nach einer langen Winterruhe schlüpft der Maikäfer und kommt an die Oberfläche. Er ist nun ausgewachsen und häutet sich nicht mehr

 

Was für ein putziges Kerlchen! Die lustigen Fühler, die drolligen Beinchen, die braunen Flügel, mit denen der dicke Brummer „pumpt“ bevor er losfliegt. Wer könnte so einem netten Tierchen den Kopf abbeißen? Unsere Ahnen taten es. Zumindest die abergläubischen. Es hieß nämlich, diese Handlung bringe Glück fürs Jahr, sofern es dabei der erste gesichtete Maikäfer des Frühlings war.

Doch das Krabbeltier mit dem botanischen Namen Melolontha hat seit jeher auch Schrecken verbreitet. Bevor in den 50er-Jahren durch chemische Radikalkuren mit Insektiziden die Population zusammenbrach, richteten die Käfer und noch mehr die Engerlinge verheerende Schäden an, wenn sie in Massen auftraten. Innerhalb weniger Wochen fraßen sie Wälder und Kulturen kahl, vernichteten die Arbeit von Jahren.

Die Obstbaumzucht war besonders betroffen, denn die Käfer gingen auch an die Blüten. Auf den Feldern fielen sie über Rüben, Hanf, Raps, Klee, Kraut und Hülsenfrüchte her, im Garten waren es Erdbeeren und Salat, im Wald die Laubbäume. Und unter der Erde knabberten die Engerlinge an den Wurzeln. In den 20er-Jahren machten Naturbeobachter die Landwirte, Gärtner und Förster verantwortlich für die Plage. Denn man sei gar zu sehr dem Maulwurf zu Leibe gegangen, einem der vorrangigsten natürlichen Feinde des Maikäfers.

Im Mittelalter verwüsteten Maikäfer ganze Landstriche, weshalb ihnen 1320 ein geistliches Gericht in Avignon den Prozess machte und in der Schweiz wurden sie mit einem Bann besprochen, wobei laut Basler Nationalzeitung die letzte Maikäferbeschwörung 1829 gewesen sein soll. Effektiver war das fleißige Einsammeln der Tiere. Noch in den 30er-Jahren wurden oft ganze Schulklassen mit ihren Lehrern abgeordnet. Der Feldzug gegen die Käfer fand in den frühen Morgenstunden statt, wenn sie von der Kühle erstarrt und träge von den nächtlichen Fressgelagen auf den Bäumen ruhten. Bevor die Äste geschüttelt wurden, legte man Tücher aus, um sich das zeitraubende Auflesen zu ersparen. Hinterher gab es oft schulfrei.

Während schlimmen Maikäfer-Invasionen wurden Prämien bezahlt. 1836, dem ersten amtlich aufgezeichneten Maikäfer-Flugjahr, gewährte der Gemeinderat im Amtsbezirk Vaihingen/Enz 14 Kreuzer für 20 Liter Maikäfer. Und in dem berüchtigten Flugjahr 1868 musste der Maikäfer-Vertilgungsverein in Quedlinburg für über 37 Millionen gesammelter Tiere 267 Taler aufwenden.

 

mehr von Susanne Heliosch