Die Schöne Lau

 war eine Nixe, die im Blautopf lebte. Ihr Mann hatte sie dorthin verbannt, weil sie keine gesunden Kinder zur Welt bringen konnte. Das lag daran, dass sie nicht lachen konnte.
Fünfmal müsse sie von Herzen lachen, bevor sie lebende Kinder gebären würde, erklärte ihr ihre Schwiegermutter. Nun wohnte sie im Blautopf und lebte von den Münzen, die in den See geworfen wurden. Eines Tages, nachdem sie schon einige Zeit im Blautopf lebte, tauchte sie auf, und im Gebüsch saß ein kleiner Junge der ihr zurief: "Hey Laubfrosch, gibt´s schönes Wetter." Darauf zog die Lau den Jungen unter Wasser und sperrte ihn in eine Kammer ein, in der sie ihn vergammeln lassen wollte. Doch er konnte sich befreien und rannte in ein anderes Zimmer, in dem er einen schweren Sack fand. Er vermutete, dass Gold in dem Sack versteckt se und nahm ihn mit. Eine Kerze nahm er auch mit, denn es war sehr dunkel. Dann rannte und rannte er damit ihn niemand mehr entdeckte. Er kam bis zu einer großen Steinmauer, die er dann, da es keinen anderen Weg gab hinaufklettern musste. Er kletterte mit seinem Bündel die Mauer hinauf. Es war sehr anstrengend. Doch als er schließlich oben war, stellte er fest, dass er sich in einem Wald befand. Neugierig machte er das Säckchen auf und was drin war, war ein Klötzle Blei. Er schämte sich dafür, dass er so einen Mist mitgenommen hatte. Deshalb warf er das Klötzchen einfach so ins Gebüsch und rannte schnell davon. Ein paar Tage später bemerkte die Lau, dass ihr Klötzle Blei fehlte, denn es hatte einen Tintenfischzahn, der jeden, der das Klötzle bei sich trägt, unsichtbar macht. Es war sehr wertvoll und daher eines der Lieblingsstücke der Lau, nach dem sie immer wieder schaute. Der Diener vom Herzog lief den langen Weg durch den Wald und entdeckte dort im Sonnenschein das funkelnde Bleilot. Er hob es auf und brachte es zum Herzog. Dieser bezeichnete das Stück Blei als sehr wertvoll. Er erkannte sofort die besonderen Fähigkeiten des Stückchen Bleis, denn er war Zauberer. Als der Herzog sterben musste, vermachte er das Bleilot seinem Diener, der es ihm damals gebracht hatte. Als er wieder an den Blautopf kam, nahm er es als Lot und band viele Tücher und Schnüre an das Stückchen Blei. Er wollte endlich herausfinden, wie tief der Blautopf sei. Die Lau, die das Ganze vom Boden des Sees aus verfolgte, zog kräftig an der Schnur des Bleilots und so dachte der alte Diener, der See sei unendlich tief. Die Lau hatte natürlich erkannt, dass dies ihr Bleilot war und band anstelle des Bleilots eine Zwiebel, eine Kette und eine goldene Schere an die Schnur. Die Zofe der Lau wollte sich jedoch einen Scherz erlauben und streckte ihre hässliche weiße Hand aus dem Wasser. Der alte Diener erschrak zu Tode und murmelte drei Tage nur den ein und den selben Spruch vor sich her:

s´leit a Klötzle Blei  bei Blaubeura

glei bei Blaubeura leit a Klötzle Blei

Am Ufer des Blautopfes war ein hässlicher Hügel. Eines Tages kam dann die Wirtin Betha aus Blaubeuren und entfernte das Unkraut und pflanzte Kürbissamen mit ein. Als die Lau dies sah, freute sie sich sehr und besuchte die Wirtin an ihrem Kellerbrunnen. Zufällig war Xaver, der Sohn von Betha, gerade im Keller. Er erschrak allerdings sehr beim Anblick der Lau und lief schnell nach oben. Dort rief er Betha. Betha hatte jedoch keine Angst und ging sofort in den Keller hinunter. Xaver und seinen Freund nahm sie jedoch nicht mit hinunter, denn die Lau war nur halb angezogen.
An diesem Tag erzählte die Lau der Betha ihre Geschichte. Daraufhin lud Betha Seysolfin die Schöne Lau zu sich ins Haus ein. Die Lau war ganz begeistert von der Idee, denn es hatte sie schon immer interessiert, wie ein Haus aussieht. Betha forderte Jutta, ihre Tochte, dazu auf, der schönen Lau Kleider zu leihen und sie davor abzutrocknen. Beim Abrocknen musste die Lau herzhaft lachen, denn sie war an den Füßen schrecklich kitzelig. Man war sich jedoch nicht sicher, ob die als echtes Lachen gelten würde.
Als die Lau während des Rundganges das Bed betrat, sah sie einen wunderschönen grünen Topf, auf dem ein kleiner Junge saß. Deshalb hielt die Lau den Topf zuerst für einen Stuhl. Als sie jedoch den stinkenden Geruch wahrnahm, der von dem Topf auging, merkte sie, um was es sich bei dem "Stuhl" handelte. Es war der Kinderstuhl von Juttas Sohn. Daraufhin musste sie herzhaft lachen. Dies war das zweite Lachen der Lau.
In der Nacht hatte sie einen sehr schönen Traum. Sie träumte davon, dass Betha eine Wassernixe sei und am Rand des Sees sitze. Der Abt aus dem Kloster in der Nähe würde vorbei laufen und ihr einen Kuss geben, den man meilenweit hören würde. Die Lau musste schallend lachen. Als sie es am nächsten Morgen der Betha erzählen wollte, sagte diese, dass sie nicht wisse, ob dieses Lachen im Traum gelte. Da war die Lau sehr traurig und weinte stundenlang in ihrem Palast im Blautopf. Daraufhin trat der Blautopf über seine Ufer. Xaver, der dies sofort bemerkte, nahm ein Bettgestell aus dem Kloster mit und stellte es am Ufer des Blautopfes auf. Dann tanzte er so wild um das Bettgestell herum, dass die Lau am Grund des Blautopfes schallen loslachte. Dies war nun das dritte Lachen. Eines Tages trafen sich die Frauen aus dem Ort bei Betha zu einem Spinnabend. Die Lau setzte sich weit entfernt vom Kachelofen auf einen Stuhl, da ihr die Wärme nicht besonders gut tat. Eine der Frauen erzählte die Geschichte vom Klötzle Blei. Es wurde herzhaft gelacht. Nur die Lau lachte nicht, denn sie kannte die Geschichte ja schon. Erst als man versuchte den Spruch aufzusagen und sich alle verhaspelten, lächelte die Lau. Als sie gar selbst an der Reihe war und nur einen einzigen Wortsalat herausbrachte, musste sie lauthals lachen. So war das vierte Lachen entstanden. Der Xaver Stürmte laut rufend in die Stube der Betha und erzählte allen, dass der Blautopf schon wieder über die Ufer trete. Die Lau fiel in Ohnmacht, da sie ahnte, dass ihr Mann der Nixenkönig bald am Blautopf ankommen würde. Daraufhin nahm Xaver die Schöne Lau
auf seine Arme und trug sie zum Blautopf. Betha leuchtete den beiden den Weg, damit der Xaver nicht hinfalle. Als der Xaver die Lau am Ufer des Blautopfes ablegen wollte, überlegte er sich, dass dies die letzte Möglichkeit sei, eine echte Wassernixe zu küssen. Gesagt, getan. Xaver küsste die Lau und sofort hagelte es Maulschellen von den Zofen der Lau. Trotz ihrer Ohnmacht musste die Lau lachen. Von diesem fünften Lachen wusste die nichts und genauso musste es laut ihrer Schwiegermutter ja auch sein. Alle warteten gespannt auf die Ankunft des Nixenkönigs. Aber er kam nicht. Also gingen alle wieder heim. Sie waren gerade erst wieder zu Hause, als der Blautopf wieder über die Ufer trat. Dieses Mal kam der Nixenkönig.
Bevor sie zurück ins Schwarze Meer schwamm, überreichte die Lau der Wirtin Betha eine Kiste voll mit Goldstücken. Sie versprach ihr, dass sich die Kiste bevor das letzte Goldstück verbraucht sei, wieder füllen würde. Dem Xaver schenkte sie einen besonderen Kochlöffel. Nachdem sie ihre Abschiedsgeschenke verteilt hatte, schwamm sie zu ihrem Palast im Blautopf und traf sich dort mit ihrem Mann. Gemeinsam schwammen die beiden zurück ins Schwarze Meer und bekamen dort viele Kinder. Nun leben sie dort glücklich und zufrieden.

dies ist eine abgekürzte Version  der Legende die von Eduard Mörike geschrieben wurde